Anne Cichos


 

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Kein spezieller Ort, nirgends

Anne Cichos zeichnet. Zeichnen ist für sie der Versuch, Erscheinendes und Vergehendes in dem Moment festzuhalten, in dem beide nicht mehr exakt voneinander zu trennen sind, als wenn sich der flüssige Raum kurzfristig zu einer Zeichnung verdichten könnte. In dieser Verdichtung tritt die Linie mit der Fläche in Dialog und behält doch immer ihre Eigenständigkeit – Negativ und Positiv, Fülle und Leere, Form und Nichts schließen sich nicht aus, konkurrieren nicht miteinander, sondern fordern sich gegenseitig in einem höchst konstruktiven Sinn heraus. So stellen die Zeichnungen Momentaufnahmen aus einem beständig andauernden Prozess von gleichzeitiger Verdichtung und Entleerung dar, dem Cichos achtsam folgt, um das ihm Wesentliche aufzufangen. Dieses nicht sichtbare und höchst flüchtige Wesentliche ist in den Zeichnungen nicht nur als Form, sondern gerade auch in dem enthalten, was im Allgemeinen als nicht sichtbar gilt: Bei Cichos ist die Leere nicht nur etwas Fehlendes, sondern ein eigenständiger Raum der Möglichkeiten.

So ist all das in ihren Zeichnungen bewusst gestaltet, was sonst, in der allgemein verbreiteten Sujetversessenheit, als Beiwerk gilt. Die Fortsetzungen der Linien über den Rand des Blattes hinaus ins Unendliche, die Unschärfe der nebligen Verwischungen und die Offenheit der Schraffuren, ja sogar der Bildraum zwischen Betrachter und Blatt – all diese Aspekte sind konstitutiver und konstruktiver Bestandteil von Cichos’ Zeichnungen. Vielleicht hat man deswegen dauernd wechselnde Raumassoziationen, wenn man vor ihren Arbeiten steht. Vielleicht sieht man deswegen geschlossene und offene Räume, Kisten, Häuser, Wege, Weiten und Grenzen, und fühlt sich trotz des großen Abstraktionsgrades in die Zeichnung hineinversetzt – genau hier, von diesem Punkt aus, sieht also der Raum genau so aus... Eine Seh-, eine Wahrnehmungsschule, sozusagen, die den Blick schärft.

Darin liegt die Besonderheit der Zeichnungen von Anne Cichos: Sie lassen die Betrachter teilhaben an der Konzentration, mit der die Künstlerin beobachtet. Cichos theoretisiert nicht, ihre Kunst ist nicht konzeptionell, sie sucht keine Einbindung in die Kunstgeschichte. Ihre Zeichnungen wollen nichts verkünden, keine Geschichten erzählen. Cichos lauscht vielmehr dem So-sein, den Zuständen, den Möglichkeiten des Raums, die sich uns nicht mitteilen, sondern in denen wir ganz selbstverständlich leben. Sie katalysiert aus diesen unter der Wahrnehmungsschwelle liegenden Phänomenen, so flüchtig sie auch sein mögen, mit großer Konzentration eine Sicht auf die Welt heraus, die sich nicht ansatzweise verbalisieren lässt. Die also gar nicht anders existieren könnte, wenn sie nicht in den Zeichnungen visualisiert würde. Und falls man doch versuchen sollte, eine Sprache zu finden, müßte man Leerstellen aussprechen können – und kann es doch nicht, verstummt also lieber und schaut. Es entstehen visuelle Fakten, die sonst nicht beobachtbar wären, Definitionen, die niemand festgelegt hat. Anne Cichos fängt Konstellationen in ihren radikalen Zeichnungen ein, die zugleich offen und klar sind, die beinahe vibrieren, so eng sind sie an die Atmosphäre eines Momentes gekoppelt.

© Dr. Antonia Wunderlich, 2007