Anne Cichos


 

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Freiheit für Gedankenspiele "Zone blanche": Zeichnungen von Anne Cichos im Freiburger Kunstraum Foth Hängen, sich hängen lassen. Ausatmen, schwingen, pendeln. So in etwa könnte unser Körper auf die Zeichnungen von Anne Cichos antworten: Den Schlaufen, die vom Bildrand her in die Mitte des Blatts baumeln, leicht zu schwingen scheinen, sich kreuzen und wie durch Adhäsion aneinander schmiegen. Grafitstaub, mal heller, mal dunkler, durch den Druck des Fingers, des Stifts, beim Ein- oder Ausatmen entstanden? Die Kordeln umgarnen uns, reizen zum Grenzübertritt ins Unbekannte, Namen- und Begriffslose, zum Erkunden des "weißen Flecks" auf der Landkarte der Kunstwahrnehmung. Anne Cichos aus Köln ist zu Gast im Kunstraum Foth, eine Einladung, die auf die Kölner Zeit des Galeristen zurückgeht: "Endlich ist aus der langjährigen Freundschaft eine Ausstellung entstanden!" In der "Zone blanche" stehen wir dank präziser Hängung inmitten raffinierter Raumbezüge. Man fühlt sich seltsam angezogen, aber nicht behaglich, was das Wohlfühlen im Bekannten voraussetzen würde. Eher irritierend, wie hier die wie im Sturm aufgewirbelten Linien über die Blattränder stürmen. Da ein auf der Stelle tretendes, beherzt gesetztes Grafitzeichen, ein Innehalt wie bei den Schlaufen. Und dann wieder wüstes Durcheinander widerstrebender, sich widersetzender Striche, die kopfüber stolpern, sich verhaken, ein- und unterhaken und mit ungebremster Geschwindigkeit aus dem Bild rasen. Stege, Anker, Haken: an der Wand ein Durchdeklinieren von Möglichkeiten. Meist beherrscht die Linie die weiße Zone des Papiers. Sie kommt aus dem Nichts und verschwindet über den Rand hinaus. Sobald sie gesetzt ist, definiert sie Raum. Mit ihr wird in einem Umriss vielleicht Gegenstandswelt herangezoomt, aber sie verflüchtigt sich in die Leere des Raums. Ein belebtes All, Gedankenfetzen, wie Poesie, wie Lyrik, wo die abstrakte Form Inhalt verkürzt. Mit einem Gedicht antwortete auch Leiko Ikemura, im Katalog von 2001 adäquat auf die Zeichnungen ihrer einstigen Assistentin. Wolkige Fingerprints wie gehauchtes Atmen, wenn die Linie der malerischen Verteilung von Grafitstaub weicht. Wie macht Cichos das? Markus Foth kann es auch nicht erklären. Inseln heller Lichtpunkte schwimmen auf einem Meer feinkörnigen Grafitstaubs, Monets Seerosen? Hier Landschaft, da Zähne zwischen geöffneten Lippen? Zu viel Welt sollte man nicht hinein sehen: kein Abbild, kein Pathos, nichts Bekanntes, an dem der Blick andockt. Die Reduktion in die Abstraktion hat hier ihren ganz eigenen Reiz, den Reiz der Freiheit für Gedankenspiele. Unerwartetes geschieht. Die Kommunikation zwischen Betrachter und Bild ist von ganz individueller, privater Natur, wenn man irrlichternde Punkte zu einem Spiegelbild seiner selbst zusammensetzt. Cichos Zeichnungen sind an keine Sinnhaftigkeit gebunden, aber dennoch sinnlich. Und stark. Eva Schumann-Bacia, Januar 2014, Badische Zeitung